Gesine Kulcke
Vortrag zur Eröffnung der Ausstellung Bilder sind stärker als Angst anlässlich der Friedensdekade 2024 in Stuttgart
Ich habe länger darüber nachgedacht, welches Bild ich auswähle, um an diesem exemplarisch über Möglichkeiten, aber auch über Notwendigkeiten zu sprechen, die ich annehme, wenn es darum gehen soll, mit Kindern über den Krieg zu reden bzw. ihnen Raum für ihre Versuche zu geben, den Bezug des Krieges zu ihrem eigenen Leben zu verstehen.
Es gibt einige Bilder in der heute eröffneten Ausstellung, aus denen sich entnehmen lässt, dass sie in einem Kontext entstanden sind, in dem es darum ging, sich zu bedanken – für Unterstützung und Hilfe aus Polen und Deutschland.
Und es gibt andere Bilder, in die ich eine Sehnsucht nach Geborgenheit und Schutz hineinlese, wie in das Bild von Viktoria.

Ich bin hier in meiner Lesart nicht unbeeinflusst von einer Studie, die Maya Götz, Lara-Sophie Pohling und Anne Pütz durchgeführt haben, und die sie vor zwei Jahren in der Televizion beschrieben haben: Für ihre Studie haben die Autorinnen Kinder, die vor dem Krieg aus der Ukraine geflüchtet sind, gebeten zu malen, was sie sich von einer Kindersendung zum Thema »Krieg« wünschen würden. Das am häufigsten gemalte Thema ist eine Nachrichtensendung, in der über den Sieg der Ukraine berichtet wird. Die Kinder malten zudem Bilder, die sich als Ausdruck einer Sehnsucht nach Harmonie, Gemeinsamkeit und Frieden interpretieren lassen. (Vgl. Götz, Pohling & Pütz 2022)
In dem Bild von Viktoria erkenne ich aber auch eine Vorstellung wieder, die vor allem Erwachsene über Kinder und Kindheit haben. In dieser Vorstellung sind Kinder vor Gefahren zu beschützen; Kindheit soll unbeschwert sein, Kinder sollen Kind sein dürfen, sich frei entfalten können, ohne Angst. Mit dieser Vorstellung, mit diesem Bild von Kind und Kindheit ist das Problem verbunden, dass Kinder nicht in einer eigenen Welt leben, sondern Teil unserer Gesellschaft sind, in der es Angst und Gewalt gibt.
Ich bin keine Psychologin, ich kann keine Diagnosen stellen und leite solche auch nicht aus Kinderzeichnungen ab. Zu meinem Wissen aus eigener Erfahrung gehört aber, dass unbewältigte Trauer über die Zerstörung und den Verlust eines sicheren Ortes – mit dem nicht nur ein äußeres Zuhause, sondern auch ein inneren Zuhause gemeint ist –, sowohl melancholisch und depressiv, als auch wütend und aggressiv machen kann. Es ist problematisch einen Ort nur als Erinnerung zu haben, einen Ort, der nicht mehr existiert; aber es ist ein Zeichen eines in Bewegung kommenden Trauerprozesses, dass Worte oder Bilder gefunden werden für die eigene Geschichte. Entsprechend geht es mir darum der Trauer Raum zu geben, zu gestatten, dass ein Ausdruck für sie und das gefunden wird, was erlebt wurde und wird.
Damit sind wir meiner Wahrnehmung nach auch bei einer Frage, die Eltern, pädagogische Fachkräfte und Lehrkräfte umtreibt: Wie öffnen wir Räume so, dass Kinder ihre Wahrnehmungen von Welt zum Ausdruck bringen können, ohne dass wir sie dazu aufzufordern, sich von sich selbst zu entfremden, weil wir uns wünschen, dass etwas nicht zu ihren Erlebnissen und Erfahrungen gehört, was aber doch Teil ihres Leben ist?
Ich möchte dazu einige Gedanken ausgehend von dem Bild teilen, das Lev aus Mariupol mit neun Jahren gemalt hat:

Ich habe dieses Bild aus zwei Gründen ausgewählt: einmal, weil es sich auf eine Medienvorlage bezieht und zum anderen, weil ich Lev, der dieses Bild gezeichnet hat, zwar nicht persönlich kenne, es aber zu ihm und seinem Bild – anders als zu den anderen Kindern und den Bildern dieser Ausstellung – Hintergrundinformationen gibt, die über einen Zeitungsartikel in der Stuttgarter Zeitung zugänglich sind. In dem Zeitungsartikel schreibt Hilke Lorenz:
„Noch am 23. Februar ist Lev ein Kind, das mit seiner Zwillingsschwester, seinen Eltern, den Großeltern, der 85-jährigen Urgroßmutter und seiner Katze Amadei in einem Haus am Meer lebt. Seine Heimat ist die am Asowschen Meer gelegene Stadt Mariupol. […] Fast alle in der Familie haben irgendetwas mit Theater und Kultur zu tun. […] Am 16. März wird das Theater zum Ziel eines Angriffs. Es gibt viele Tote. Für die Familie gibt es nun kein Halten mehr in Mariupol.“
Zu der Zeichnung schreibt Hilke Lorenz, dass sie einen tunnelartigen Gang zeigt, „aus dem eine Treppe ans Licht führt. Am Ausgang steht ‚Metro Exodus‘. Die Zeichnung gleicht den Bildern der überfüllten Metrostationen, die überall in der Ukraine für die Menschen zu Bunkern gegen die russischen Raketenangriffe wurden. Auf der Treppe steht ein dunkel gekleideter Mann. Er hält eine Waffe in der Hand und hat eine grüne Gasmaske über dem Gesicht. ‚Ein Held‘, sagt Lev. Mehr will er nicht erklären“, schreibt Hilke Lorenz. Nur, dass das ein Computerspiel ist.
Die kindliche Sehnsucht nach dem Helden aus der Metro, der in seiner Zeichnung die Welt vor dem Untergang rettet, ist verständlich, schreibt Hilke Lorenz. Die Journalistin beschreibt in ihrem Artikel das, was ihr ausgehend von den Erzählungen der Familie möglich war nachzuvollziehen. Den Bericht lesend entwickeln auch wir eine Vorstellung über das, was das Kind mit seiner Familie erlebt haben könnte. Und unsere Vorstellung wird angereichert durch die Zeichnung, auf die die Autorin in ihrem Zeitungsbericht nicht nur verweist, sondern die sie auch interpretiert. Sie nimmt an, dass sich in dem Bild die ‚kindliche Sehnsucht‘ nach dem Helden ausdrückt, die die Welt vor dem Untergrund rettet.
Erwähnt wird, dass ein Computerspiel als Vorlage diente. Im Netz lese ich, dass das Spiel ein Shootergame aus der Ukraine ist, das auf einem Roman eines russischen Autors basiert. Es handelt nicht von der Rettung der Welt: In dem Computerspielt ist die Welt nicht mehr zu retten; sie ist bereits untergegangen.
Wie gut Lev das Spiel kennt, weiß ich nicht. Ich weiß nicht, ob er es selbst gespielt hat. Oder ob Freunde oder ältere Familienmitglieder dieses Spiel gespielt haben, und er davon erfahren hat. Will sagen: wie genau er hier was für sich versteht und mit seiner Zeichnung zum Ausdruck bringt, kann ich nicht klären. Es ist aber auch nicht anzunehmen, dass es für ihn selbst einen eindeutigen Ausdruck für das gibt, was er erlebt hat; es ist nicht anzunehmen, dass er für sich geklärt hat, wie er das, was er in der Ukraine erlebt hat und auch noch von Stuttgart aus miterlebt, verstehen kann und soll. Ich würde sein Bild daher als Teil eines Verstehensprozesses einordnen.
Es ist möglich, dass die Motivwahl von den Nachrichten und den in diesen gezeigten Bildern von Metrostationen in Kiev beeinflusst wurde. Aber es geht wohl weder darum, die Metrostationen in Kiev, noch darum das Computerspiel zu zeigen, das als Vorlage verwendet wurde.
Norbert Neuß nennt eine Zeichnung im Rahmen seiner eigenen Untersuchungen von Kinderzeichnungen auch Probe – es ist, so Neuß, „ein greifbarer Anhaltspunkt für Prozesse des Fremdverstehens, erlaubt aber keine vollständige Transparenz von Wahrnehmungs- und Verarbeitungsprozessen, weil sie immer eine symbolische Qualität haben.“ (Neuß 1999, S. 81) Davon ausgehend lässt sich annehmen, dass Lev für seine Zeichnung etwas aus einer Medienvorlage herausgebrochen hat; er hätte andere Motive auswählen können als die, die er ausgewählt hat. Im Netz finden sich zahlreiche Bilder zu dem Computerspiel, auf das er verweist.
Um sich einer Interpretation anzunähern, die Auskunft über Bedeutungszuschreibungen geben kann, die ein Kind mit einer Zeichnung zum Ausdruck bringt, hält Neuß es für notwendig, dass das Kind selbst über sein Bild spricht: „dem Kind ist die Beschreibung und Auswahl der bedeutsamen Kennzeichen […] [zuzugestehen].“ (Neuß 1999, S. 82) Meint auch: Wir können das Bild als Teil des Computerspiels interpretieren, aber nicht ohne Weiteres in dem Sinnzusammenhang, in dem es in der Zeichnung verwendet wurde.
Kinderzeichnungen stehen für etwas und müssen interpretiert werden – sie machen nicht von sich aus zugänglich, was sie bedeuten sollen. Dabei sind es keine Symbole im Sinne von Zeichen: „Während Zeichen gelernt werden, zeichnet sich symbolischer Ausdruck durch Mehr- und Doppeldeutigkeit aus. Symbolischer Ausdruck, wie es auch die Kinderzeichnung ist“ (Neuß 1999, S. 83), lässt sich als Objektivation, also als Materialisierung von dem fassen, was subjektiv wahrgenommen wird.
Dabei geht es nicht nur um etwas, das aus der Vergangenheit erinnert wird, sondern um etwas Gegenwärtiges und damit um etwas, das dem Subjekt innewohnt und von diesem geäußert wird. Die Zeichnung ist insofern auch nicht ausschließlich als eine Äußerung zu verstehen, die dazu dient anderen etwas mitzuteilen, sondern als Teil eines Verstehensprozesses. Ich könnte auch sagen: Es geht um die Suche des Kindes nach einem möglichen Umgang mit dem, was ihm da erscheint, und was das, was ihm erscheint, mit ihm zu tun hat. Es geht also um Selbst- und Weltverhältnisse.
Zu dieser Annahme passt, dass Norbert Neuß schreibt, das Kind bilde nicht ab, sondern es bilde: „Es kopiert nicht die Wirklichkeit, sondern es übersetzt das Geschehene. Bei dieser Übersetzung wird das [für das Kind, GK] Wichtige ausgewählt, das Unwichtige vergessen, das Unerwünschte zum Erwünschten umgewandelt und so als ein Erinnerungsbild (re-)konstruiert, in dem das Verstandene zugleich bewertet und umgeformt wird …“ (Neuß 1999, S. 81)
Ausgehend von der von Neuß angenommenen Notwendigkeit, dass Kinder selbt über ihre Bilder sprechen müssen, damit ein Zugang zu ihren Bildern möglich wird – und damit eben auch zu dem, was Kinder versuchen zu verstehen –, plädiere ich dafür, dass zum Ausgangspunkt für den Versuch mit Kindern über den Krieg zu reden, das gemacht wird, was sie in ihren Erzählungen, ihren Spielen und Zeichnungen von sich aus artikulieren. Dabei sind die Theorien und damit die Vorstellungen über Krieg, die Kinder artikulieren, von uns weder zu übergehen, noch zu korrigieren, sondern sie sind Basis dessen, worüber wir versuchen können mit ihnen in den Austausch zu kommen, um ihnen die Möglichkeit zu geben, ihre Wahrnehmung zu teilen und im Kontakt mit uns zu versuchen, in ihrem Ich ein verlorengegangenes Zuhause neu aufzubauen.
Hierzu möchte ich abschließend eine Beobachtung aus einer Studie von Jürgen Barthelmes nacherzählen, die er mit Kolleg:innen in den 90er Jahren für das Deutsche Jugendinstitut durchgeführt hat. Die Beobachtung macht für mich deutlich, wie unsere Vorstellungen über das, was Teil von Kindheit ist und sein soll, verhindern können, dass wir Kindern den Raum geben etwas von dem zu artikulieren, was für sie von Bedeutung ist:
Im Rahmen der Studie wurde beobachtet, wie ein fünfjähriger Junge auf eine Erzieherin zugeht und ihr ein Flugzeug zeigt, das er aus Lego gebaut hat. Er erklärt, dass es ein Kriegsflugzeug sei. Die Erzieherin fragt daraufhin‚ was man damit machen könne. Und der Fünfjährige antwortet: ‚Krieg!‘. Die Erzieherin erwidert: ‚Das finde ich nicht so schön.‘ Der Junge geht, kommt aber nach kurzer Zeit wieder und zeigt ihr einen Flieger, zu dem er nun sagt: Ich habe ‚einen Flieger, der Beton machen kann‘. Die Erzieherin lobt ihn. Eine viertel Stunde später wird der Junge mit zwei weiteren Jungen am Legotisch beobachtet, wo sie gemeinsam ‚Panzer‘ bauen… (Barthelmes, Feil & Furtner-Kallmünzer 1991, S. 91f.)
Interessant an dieser Beobachtung ist, dass das Kind versucht den Erwartungen der Erzieherin zu entsprechen, und sein Spiel ihr gegenüber umbenennt. Er spricht von einem Flieger, der Beton machen kann, obwohl sein Thema weiterhin der Krieg ist, wie die Panzer vermuten lassen, die er mit seinen Freunden am Legotisch baut.
Es entspricht wohl nicht unseren Erwartungen, die wir an Kinder haben, wenn sie Krieg spielen, oder in ihren Zeichnungen auf Spiele verweisen, die gewalthaltig sind. Kinder haben das Thema auch nicht selbst produziert; es begegnet ihnen in Erzählungen, in Nachrichten, in Geschichten und auch unmittelbar, weil Erwachsene Krieg führen.
Mir scheint es notwendig, dass wir Krieg nicht zu einem Tabu für Kinder erklären, sondern ihnen vielmehr den Versuch gestatten, den Bezug zu ihrem eigenen Leben zu verstehen.
Literatur
Barthelmes, Jürgen; Feil, Christine & Furtner-Kallmünzer, Maria (1991). Medienerfahrungen von Kindern im Kindergarten. Spiele – Gespräche – Soziale Beziehungen. München: DJI.
Götz, Maya; Pohling, Lara-Sophie & Pütz, Anne (2022). Aufstehen! Heute ist keine Schule, denn es ist Krieg. In: Televizion 2022, S. 22-30.
Neuß, Norbert (1999). Symbolische Verarbeitung von Fernseherlebnissen in Kinderzeichnungen. München.